/ 05.06.2013
Jost Hermand / Wigand Lange
"Wollt ihr Thomas Mann wiederhaben?" Deutschland und die Emigranten
Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1999; 215 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-434-50441-9Die Autoren, "Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer" (Lange) bzw. "Professor of German Culture an der University of Wisconsin, Madison/USA" (Hermand), dokumentieren mit ihrem Band ein faszinierendes Kapitel des Verhältnisses von Nachkriegs-Deutschland zu seinen Emigranten. Im Juni und Juli 1947 wurde in verschiedenen Städten der amerikanischen Besatzungszone eine qualitative Umfrage unter verschiedenen, überwiegend kulturellen Dignitäten durchgeführt, die sich zu der Frage äußern sollten, ob und wie Thomas Mann (und andere literarische Emigranten) zurückkehren sollten und welche Wirkungen auf das deutsche Kulturleben man sich davon verspreche. Die Antworten, die im zweiten Teil des Buches ("Umfrage über Thomas Mann und andere" [57-204]) von Lange faksimiliert dokumentiert werden, sind durchaus nicht eindeutig, sondern vielfach von einem sehr skeptischen Tonfall gekennzeichnet. Biographische Informationen zu den Antwortenden und knappe Erläuterungen von Lange erleichtern das Verständnis wesentlich. Der eigentliche Auslöser der Umfrage, eine Rede des bayerischen Kultusstaatssekretärs Dieter Sattler vom Mai 1947, ist hier gleichfalls abgedruckt. Der erste, wesentlich kürzere Teil, bietet einen Aufsatz "Zum Vorverständnis" (7-55) von Hermand, der nicht unproblematisch ist. Zum einen werden die Ergebnisse der politikwissenschaftlichen Emigrations- und Remigrationsforschung nicht zur Kenntnis genommen. Zum anderen aber wird trotz der Zentrierung auf Thomas Mann nicht auf generalisierende Einschätzungen verzichtet, in denen dann etwa "die in den drei Westzonen entfachte antikommunistische Propagandawelle" (31) kontrastiert wird mit der "Gegenposition in der sowjetischen Besatzungszone, nämlich nur noch den entschiedenen Antifaschisten [...] den gebührenden Respekt zu erweisen" (31 f.). Bekanntlich (und auch von Hermand dargestellt) hat Thomas Mann dies durchaus so gesehen; aber als wissenschaftliche Einschätzung der Zeit greift es entschieden zu kurz. Gleichwohl, das Schwergewicht des Bandes liegt an anderer Stelle, und diese Quellen sollten für jeden an der Zeit Interessierten von Bedeutung sein.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Jost Hermand / Wigand Lange: "Wollt ihr Thomas Mann wiederhaben?" Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8057-wollt-ihr-thomas-mann-wiederhaben_10655, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10655
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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