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/ 21.06.2013
Peter März / Hans-Joachim Veen (Hrsg.)

Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Redaktion: Markus Pieper

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2006 (Europäische Diktaturen und ihre Überwindung 8); 269 S.; brosch., 24,90 €; ISBN 978-3-412-37405-1
„Das Aufwachsen in den Lebensverhältnissen der Diktatur war fortwährend verbunden mit der Entkernung des politischen Ich“, (193) schreibt Joachim Gauck. In den neuen Bundesländern stehe der Aufbau einer Erinnerungskultur an dem Kommunismus deshalb vor Schwierigkeiten. Zu Zeiten der DDR seien dort weder Bürger noch Bürgertum entstanden, die NS-Zeit sei nicht aufgearbeitet worden. Es fehle die gesellschaftliche Bewusstwerdung, wie sie in der westdeutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mit Namen wie Alexander Mitscherlich oder Horst-Eberhard Richter verbunden gewesen sei. Die 68er-Bewegung habe den Westdeutschen die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung auferlegt. Aber es sei wohl illusorisch, schreibt Gauck weiter, auf eine ostdeutsche 68er-Bewegung mit ähnlichen Funktionen auch für die Erinnerung an den Kommunismus zu warten. „Aber was machen wir dann?“ (198) Abgesehen von der wissenschaftlichen Aufarbeitung sieht er einen Weg, wie ihn der oft als nostalgisch kritisierte Film „Good bye, Lenin!“ eröffnet hat. Dieser stelle durchaus eine angemessene Aufarbeitung der Vergangenheit dar, „gerade weil so viel gelacht wird. Denn zwischen dem Lachen können die Kundigen weinen.“ (199) Entsteht so eine gesamtdeutsche Erinnerung? Ehrhardt Neubert zweifelt daran und benennt mehrere Erinnerungstypen in Ost und West, die sich seiner Ansicht nach ausschließen – was nicht unbedingt ein Nachteil sein müsse. „Solange sich Menschen mit ihren Erinnerungen daran reiben, bleibt die revolutionäre Überwindung des Kommunismus im Gedächtnis und kann mehr bewirken als es die bloße Konstatierung eines historischen Ereignisses vermag.“ (188) Die Beiträge von Gauck und Neubert verdeutlichen, dass, wie die Herausgeber schreiben, erst eine Zwischenbilanz des Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur möglich sei. Entgegenzuwirken aber sei einem „Trend der Verharmlosung“ (8), verbunden mit Fragen nach der Nutzung der Geschichte zu Bildungs- und Erkenntniszwecken. Dokumentiert wird mit diesem Band das 4. Internationale Symposium, das die Stiftung Ettersberg veranstaltete.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.3132.3142.3152.321 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter März / Hans-Joachim Veen (Hrsg.): Woran erinnern? Köln/Weimar/Wien: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26282-woran-erinnern_30610, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30610 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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