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/ 22.06.2013
Nils Weichert

Zeitpolitik. Legitimation und Reichweite eines neuen Politikfeldes

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011 (Zeitforschung 1); 242 S.; 39,- €; ISBN 978-3-8329-6325-5
Diss. Chemnitz. – Beschleunigung, Stress, Zeitmanagement, Vereinbarkeit – dominante Vorstellungen über die Rolle von Zeit und wie diese zu nutzen sei bilden eine wesentliche Strukturkategorie moderner Gesellschaften und sind gleichzeitig zum Wirtschaftsfaktor geworden. Konträr zu ihrem gesellschaftlichen Stellenwert spielt das Nachdenken über und die Organisation von Zeit in der deutschen Politik jedoch eine ebenso geringe Rolle wie in der Politikwissenschaft (anders als etwa in der Soziologie, der Urbanistik oder der Innovationsforschung). Weichert will diesem doppelten Manko entgegentreten, trägt wissenschaftliche Einsichten zum Thema Zeit aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, diskutiert zeitpolitische Modellprojekte anderer Länder und entwickelt darauf aufbauend Vorschläge für eine Zeitpolitik als politische und gesellschaftliche Querschnittsaufgabe. Es geht ihm dabei „nicht darum, bekannten Problemen das Zeitetikett aufzukleben, sondern darum, die Probleme selbst neu zu denken“ (17). In diesem Sinne wird deutlich, dass das Verfügen über Zeit und die Ermöglichung „anderer Zeiten“ (202) sowohl ein Grundelement demokratischer Partizipationsmöglichkeiten darstellt, die dominante gesellschaftliche Zeitkultur gleichwohl aber auch Ausdruck und Reproduktionsmechanismus eines spezifischen Machtgefüges ist. Weichert analysiert Beispiele aus der Lokalpolitik, der Ökologie und der sozial-(re-)produktiven Sphäre und folgert daraus im Schlussteil seiner Arbeit die Notwendigkeit einer Zeitpolitik im Sinne einer heterochronen Ermöglichungspolitik. Der Begriff der Heterochronie wird hierbei in Anlehnung an Foucaults (räumliche) Heterotopien gedacht und diskutiert. Die konkreten Vorschläge, was Zeitpolitik leisten muss (der Ausgangspunkt ist hier zunächst die Herstellung eines demokratischen, gesamtgesellschaftlichen Diskurses über eine Neuausrichtung des Denkens über Zeit und Politik) und wie dies zu bewerkstelligen sei (etwa durch akteurs- und politikfeldübergreifende Netzwerke und die Installierung der Position eines Beauftragten für Zeitpolitik) bleiben allerdings recht normativ. Hier stellt sich die Frage, wie weit das demokratische Potenzial solcher Ansätze reicht, wenn doch – worauf wiederholt implizit oder explizit verwiesen wird – spezifische Zeitkulturen gesellschaftliche Machtstrukturen repräsentieren. Dennoch besitzt das Buch das Potenzial, als Ausgangspunkt für ein neues politikwissenschaftliches und politisches Denken über den Faktor Zeit zu dienen.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.343 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Nils Weichert: Zeitpolitik. Baden-Baden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33793-zeitpolitik_40478, veröffentlicht am 23.06.2011. Buch-Nr.: 40478 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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