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/ 20.06.2013
Konrad H. Jarausch / Michael Geyer

Zerbrochener Spiegel. Deutsche Geschichten im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Friedrich Griese

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2005; 493 S.; geb., 39,90 €; ISBN 3-421-05673-0
Die Versuche, den Deutschen eine einheitliche Selbstwahrnehmung aufzuzwingen, seien weitgehend gescheitert, schreiben Jarausch und Geyer. Der Frage nach dem, was zur Erzählung der deutschen Geschichte gehört, nähern sie selbst sich explizit aus einer doppelten Perspektive: In Deutschland sind sie geboren und haben studiert, ihren Berufsweg aber in den USA eingeschlagen. Und tatsächlich scheint diese gleichermaßen innere wie äußere Sicht den Blick geschärft zu haben. Ihr erklärtes Ziel ist „nichts Geringeres als eine Neukonzipierung deutscher Geschichte(n) im 20. Jahrhundert anzuregen und einzuleiten“ (11). Dieses Vorhaben ist gelungen. Die Autoren scheuen sich nicht, ein modernes Deutschtum zu definieren, dessen erste Eigenschaft ein Bestand an gemeinsamen Erfahrungen wäre, ferner die gemeinsame Sprache und das Schätzen einer bestimmten Spielart von Kultur. Sie schlagen ferner einen kulturellen Ansatz vor, mit dem „Deutschland als eine zersplitterte Nation“ (276) zu verstehen ist. Dieser Ansatz erlaubt es, über die Zäsuren (die oft von Historikern anders datiert würden als von den Bürgern) hinweg aus einer mehrschichtigen Vergangenheit heraus eine (die?) deutsche Geschichte zu erzählen. Die nach Jarausch und Geyer eigentlichen Ursachen für die nationalsozialistische Barbarei – die Schwäche an Soziabilität und das fehlende Menschenrechtsverständnis – werden dabei zu den negativen Ausgangspunkten einer nach Kriegsende ins Positiven gewendeten Entwicklung: „die Bildung von kulturellen Codes des Zusammenlebens“ (46). Als ein Beispiel für zersplitterte Erfahrungen wird eine Zäsur analysiert, die gleichzeitig eine kontinuierliche Entwicklung darstellt: der Übergang von der durch die Nationalsozialisten geprägten Massenkultur zur Konsumgesellschaft in den Fünfzigerjahren – eines „der folgenreichsten Modernisierungsprozesse der deutschen Gesellschaft“ (337). Die Westdeutschen verankerten ihr Leben neu, so sei eine plurale und kosmopolitische Nation entstanden – wenigstens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe die deutsche Geschichte damit ein Happy End.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.32.352.31 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Konrad H. Jarausch / Michael Geyer: Zerbrochener Spiegel. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24373-zerbrochener-spiegel_28109, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28109 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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