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/ 11.06.2013
Georg W. Oesterdiekhoff

Zivilisation und Strukturgenese. Norbert Elias und Jean Piaget im Vergleich

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1461); 407 S.; kart., 29,90 DM; ISBN 3-518-29061-4
Soziolog. Habilitationsschrift Karlsruhe. - Elias kann als letzter großer Vertreter der klassischen Soziologie gelten. In seinem Hauptwerk "Über den Prozeß der Zivilisation", das in Deutschland von einem breiten, auch nicht-wissenschaftlichen Publikum rezipiert wurde, geht er wie seine großen Vorgänger der Frage nach, wie langfristiger sozialer Wandel beschrieben und erklärt werden kann. Elias versucht dabei den Prozess der Modernisierung als Zivilisierung zu fassen, indem er die psychische und die damit gekoppelte soziale Genese von Gesellschaften beschreibt. Seine Originalität besteht nach Oesterdiekhoff in der Ausarbeitung eines auf der freudschen Psychoanalyse beruhenden Konzepts von psychischer Entwicklung, das die Erklärungsansätze seiner Vorgänger differenziert. Hier liegt jedoch auch das Problem der eliaschen Theorie. Der Autor betont zwar wiederholt, dass er die Diagnosen von Elias für weitgehend zutreffend hält, aber er bezweifelt, dass eine auf der wissenschaftstheoretisch zweifelhaften Psychoanalyse fußende Theorie heute noch glaubhaft sei. Oesterdiekhoff versucht deshalb, Elias zeitgenössisch zu reformulieren: "Das Konzept psychogenetischer Entwicklung muß auf eine neue Grundlage gestellt werden: Der Nachweis psychischer Strukturen darf keine Sache beliebiger Interpretationen und Interpolationen sein, sondern muß nach wissenschaftstheoretisch festgeschriebenen Regeln erfolgen" (15). Eine Theorie, die diesen Anforderungen genügt, findet er in der genetischen Epistemologie Jean Piagets. Sie sei im Gegensatz zum freudschen Modell empirisch überprüfbar und könne Indikatoren aufstellen, mit deren Hilfe sich verschiedene Niveaus der Entwicklung bestimmen lassen. Erst auf dieser Basis könne bewiesen werden, was Elias lediglich behauptete: "Rationales Denken und psychische Selbststeuerung sind nicht transzendental-apriori gegeben, sondern unterliegen einer ontologischen Entwicklung" (18). Die Leistung der Arbeit besteht also weniger in der Erarbeitung neuer Thesen zur Entwicklung von Gesellschaften, sondern in der Differenzierung und Fundierung der Thesen Elias', denn: "Im großen und ganzen sind die Aussagen der Zivilisationstheorie empirisch zu bestätigen" (21). Dennoch bescheidet sich der Autor nicht mit dieser Leistung. Er versteht sein Buch zugleich als "Beitrag zur Restauration der klassischen Soziologie" (22), die jene großen Themen zu bearbeiten fähig und gewillt sei, denen sich die Gegenwartssoziologie durch Flucht in Mikroanalysen entzogen habe.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.425.46 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Georg W. Oesterdiekhoff: Zivilisation und Strukturgenese. Frankfurt a. M.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10942-zivilisation-und-strukturgenese_12937, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12937 Rezension drucken
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