/ 21.06.2013
Frank Schale
Zwischen Engagement und Skepsis. Eine Studie zu den Schriften von Otto Kirchheimer
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2006 (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 10); 388 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8329-2255-9Phil. Diss. Chemnitz; Gutachter: Alfons Söllner. – Kirchheimer zählt zu den Persönlichkeiten der deutschen Politikwissenschaft des 20. Jahrhunderts; mit ihm verbinden sich Begriffe wie „Politische Justiz“, „Catch all Party“ oder „Verfall der Opposition“. Trotzdem fehlte bisher eine ausführliche Analyse seiner Schriften. Methodisch folgt Schale einem „gemäßigten Ansatz“ u. a. nach Foucault und der „Cambridge School“, indem „Geschichte der Politischen Theorie nicht als zeitloses Reflektieren großer Denker über stets die gleichen Probleme [begriffen], sondern die jeweilige diskursive Praxis, in die historische Texte eingebunden sind“, akzentuiert wird (25). So ergibt sich eine chronologische Darstellung der Schriften, die infolge historisch-biografischer Brüche in vier Werkphasen (1928-1933, 1933-1944, 1944-1955, 1955-1965) unterteilt werden. Dabei kann Schale gegen den Vorwurf des „Linksschmittianismus“ zeigen, dass für Kirchheimer u. a. nicht der Parlamentarismus „sondern die bewußte Unterlaufung parlamentarischer Gesetzgebung [durch] das verfassungswidrige Handeln der Bürokratie“ (89) und „die verfassungswidrige [...] Regierungspolitik nach 1930“ (90) zum Scheitern Weimars führten. Gegen die marxistische Sicht dringe Kirchheimer andererseits nach 1933 zu einer Neubewertung des Liberalismus durch, den er nun als „einen Gegner des Nationalsozialismus [erkennt]“ (151). Kirchheimers spätere Arbeiten seien wiederum von einem zivilisations- und modernitätsskeptischen Moment geprägt. Denn „der ins Private zurückgezogene Bürger, der am wirtschaftlichen Aufschwung teilhat [...], [bleibt] an politischen Fragen desinteressiert“ (340); so wird „aus dem [...] solidarisch gesinnten Proletarier der Fernsehzuschauer“ (339). Schale sichert seine Analyse durch eine intensive Auswertung deutscher und amerikanischer Archivalien ab (u. a. Kirchheimer Papers, Nachlass Schmitt). Dabei fördert er insgesamt den „Prototypus“ einer im Denken unabhängigen Persönlichkeit zwischen Politik und Wissenschaft wieder zutage, deren Interesse vor allem der Lösung konkreter politischer Probleme galt.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46 | 5.41 | 1.3 | 2.311 | 2.312 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Frank Schale: Zwischen Engagement und Skepsis. Baden-Baden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26867-zwischen-engagement-und-skepsis_31350, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31350
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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