/ 22.06.2013
Cord Arendes
Zwischen Justiz und Tagespresse. "Durchschnittstäter" in regionalen NS-Verfahren
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2012 (Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart); 415 S.; 58,- €; ISBN 978-3-506-77320-3Habilitationsschrift Heidelberg; Begutachtung: E. Wolfrum. – Der Fall des kürzlich enttarnten mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers László Csatáry zeigt, dass die juristische Aufarbeitung der NS-Herrschaft noch nicht abgeschlossen ist. Anhand von vier Verfahren in Mannheim und Heidelberg untersucht der als Historiker und Politologe ausgewiesene Arendes vor allem die regionale Wahrnehmung von Prozessen gegen NS-Täter jenseits der „großen Politik“, also gegen „ganz normale Männer“ (so der US-amerikanische Historiker Christopher Browning). Obwohl mit der Habilitationsschrift eine Venia Legendi im Fach Neuere und Neueste Geschichte erlangt wurde, erscheint die Arbeit in Stil und Vorgehen eher politologisch ausgelegt. Die Studie betritt insofern Neuland, als bisher eher die gesamtstaatliche Auswirkung solcher Prozesse im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand. Unter Rückgriff auf das Konzept der dichten Beschreibung des US-amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz zeigt der Autor, dass die Annahme eines langen Beschweigens eigener Schuldhaftigkeit im Rahmen der NS-Herrschaft differenziert betrachtet werden muss. Gerade im regionalen Rahmen führten Prozesse wie die geschilderten, denen eine wichtige Rolle bei der Prägung des individuellen Geschichtsbewusstseins zukam, zu intensiven öffentlichen Debatten. Zwar konstatiert auch Arendes die vielbeschriebenen Versäumnisse der Nachkriegsjustiz, die erst ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre intensiver zu ermitteln begann. Die juristische Aufarbeitung in der Bundesrepublik unter dem Schlagwort der Vergangenheitsbewältigung habe dennoch große internationale Vorbildwirkung gehabt. Insofern dürften die Ergebnisse der Untersuchung auch als „Referenzfolie“ (14) für vergleichende Studien zur Transitional Justice verwendbar sein, da sie „als Mikrostudien jeweils erste Antworten auf die Makrofrage nach den realistischen Möglichkeiten sowie den immanenten zeitlichen und inhaltlichen Grenzen der juristischen Aufarbeitung von Diktaturen geben“ (242) können.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.35 | 2.323 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Cord Arendes: Zwischen Justiz und Tagespresse. Paderborn u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34177-zwischen-justiz-und-tagespresse_40995, veröffentlicht am 16.08.2012.
Buch-Nr.: 40995
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M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
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