/ 22.06.2013
Christian Haddad
Zwischen Labor und Gesellschaft. Zur Biopolitik klinischer Forschung am Menschen
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2010 (Politik und Demokratie 19); 151 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-631-59402-5Diplomarbeit Wien; Gutachter: H. Gottweis. – Vor dem theoretischen Hintergrund von Michel Foucaults Konzept der Biopolitik und Giorgio Agambens Unterscheidung von bios und zoé analysiert Haddad die Praktiken klinischer Studien zur Wirksamkeit von Medikamenten. Aus dieser Perspektive erscheint die gegenwärtige Medikamentenforschung als eine „historisch-kontingente Formation“ (12), die durch medizinisch-wissenschaftliche, ökonomische und bio-ethische Diskurse ermöglicht wird und ihrerseits spezifische Subjektivitäten hervorbringt. Die Klinik kann dabei als ein „(bio-)politischer Raum“ (30) gedacht werden, in dem bios und zoé zusammenfallen und neu verhandelt werden. Die beiden grundlegenden Prinzipien menschlichen Lebens entfalten eine Zone der Unentscheidbarkeit, sodass jede klinische Praxis als ein biopolitischer Akt verstanden werden muss, der zwischen den beiden Dimensionen des Menschseins entscheidet: dem Menschen als einem rechtlich geschützten „Träger einer politischen Subjektivität“ auf der einen Seite und seinem nackten, verwertbaren Leben auf der anderen. Die Stärke der Arbeit besteht darin, dass sie die wissenschaftlich-medizinischen, ethisch-rechtlichen und ökonomischen Gesichtspunkte klinischer Forschung nicht voneinander trennt, um die jeweiligen Expertensysteme zu autorisieren, über diesen oder jenen Aspekt angemessene Entscheidungen zu treffen, sondern die unterschiedlichen Aspekte als spezifische Diskurse eines Dispositivs integriert, um sie im Anschluss auf ihre Produktivität hin zu befragen. So zeigen die Analysen von Print- und Onlinemedien, PR-Material und Strategiepapieren privater und öffentlicher Institutionen, dass die biopolitischen Körper nicht nur als verletzliche „Regierungsobjekte“ staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen, sondern auch als „aktive, biosoziale“ Subjekte auftauchen, die „ihre Rechte als biologische Staatsbürger geltend machen“ (133 f.). Er erweitert damit die Potenziale für unterschiedliche Formen der Kritik an der Medikamentenforschung an Menschen, ohne den Fatalismus Agambens zu wiederholen.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.263 | 5.44 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Christian Haddad: Zwischen Labor und Gesellschaft. Frankfurt a. M. u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33735-zwischen-labor-und-gesellschaft_40404, veröffentlicht am 04.08.2011.
Buch-Nr.: 40404
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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