/ 22.06.2013
Günter Brakelmann
Zwischen Mitschuld und Widerstand. Fritz Thyssen und der Nationalsozialismus
Essen: Klartext 2010; 208 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-8375-0344-9Vor allem Fritz Thyssen hatte den Kontakt zwischen der NSDAP und den Ruhrindustriellen hergestellt und somit die Finanzierung der frühen Parteijahre gesichert. Er selbst sponserte insbesondere seinen Freund Hermann Göring. Doch bald nach der Machtergreifung wurde ersichtlich, dass sich Thyssen einem NSDAP-Flügel zugehörig fühlte, der schließlich nicht mehr der Parteilinie entsprach: Die Bemühungen um eine Partnerschaft von Katholizismus und Nationalsozialismus und die entsprechend in Aussicht genommene ständisch-korporative Wirtschaftsordnung waren bei den Nazis nicht erwünscht. Diese ständestaatliche Struktur hätte den totalitären NS-Staat in die Schranken gewiesen. Brakelmann erkennt richtig: „Am Beginn der Entfremdung zwischen Thyssen und Hitler steht eine ordnungspolitische Kontroverse über das Verhältnis von Staat und Gesellschaft, von Staat und Wirtschaft“ (61). Der Autor schreibt keine weitere Unternehmensgeschichte der Thyssens, sondern rekonstruiert die Begegnungen und Entscheidungen Thyssens, die ihn erst zu einem Anhänger, dann zu einem Gegner des Nationalsozialismus machten. Dadurch gibt das Buch zugleich einen mitreißenden Einblick in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Weimarer Republik und informiert über den Aufstieg der NSDAP mithilfe von Großindustriellen. Brakelmann stützte sich bei seinen Recherchen zwar auch auf die bekannten Memoiren Thyssens, viel mehr aber auf erstmals aus den Archiven gehobene Materialien, die er oft in voller Länge abdruckt und somit der Wissenschaft zugänglich macht (zum Beispiel den ersten politisch-konzeptionellen Text Thyssens aus dem Juni 1934 [56 f.]). Damit verfasste er keine Biografie, jedoch das differenzierte Bild eines Mannes, der wie so viele andere Deutsche jener Zeit nicht an die Stärke der parlamentarischen Demokratie glaubte, in seinem Nationalstolz verletzt war, Angst vor dem Bolschewismus hatte und in Hitlers Programm der nationalen Revolution einen Ausweg sah – und seinen Irrtum erkennen musste.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 2.312 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Günter Brakelmann: Zwischen Mitschuld und Widerstand. Essen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32709-zwischen-mitschuld-und-widerstand_39047, veröffentlicht am 30.08.2010.
Buch-Nr.: 39047
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Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
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