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Rezension / 07.08.2026

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus

Frankfurt am Main, S. Fischer 2026
Frankfurt am Main, S. Fischer 2026

Im Kern des Faschismus der Gegenwart stehen ein entfesseltes Eigentumsdenken und der unaufhaltsame Drang nach Zerstörung, analysiert Eva von Redecker in ihrem Buch "Dieser Drang nach Härte". Damit legt die Philosophin den inneren Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus konsequent offen, lobt Aylin Yildirim in ihrer Besprechung. 

Eine Rezension von Aylin Yildirim

‚Faschisierung‘, ‚Rechtsruck‘, ‚Erstarkung der Rechten‘ sind Begriffe, die dazu dienen, sich den derzeitigen politischen Tendenzen anzunähern, ohne sie unmittelbar als Faschismus zu bezeichnen.[1] Gleichzeitig wird vor einem zunehmend inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs gewarnt, der in erster Linie der „Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit“ diene und politisch folgenlos bleibe.[2] Mit ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ möchte Eva von Redecker, den Faschismusbegriff für die Gegenwart aktualisieren, indem sie ihn an bestehende Eigentumslogiken knüpft.

„Was ist, wenn der Faschismus in neuer Form auftritt?“

Die Notwendigkeit eines neuen Begriffs des Faschismus ergibt sich für die Autorin aus seiner historischen Begrenzung, die ihre Anwendung auf heutige faschistische Tendenzen erschwert. So sind die Eigenschaften, die Umberto Eco und Robert Paxton unter anderem am historischen Faschismus herausstellen, für dessen heutige Erscheinungen nicht ohne weiteres übertragbar. Auch der nationalsozialistische Faschismus kann nicht der Maßstab für einen Begriff des Faschismus sein, weil die Gräueltaten der NS-Zeit durch eine Überdehnung der Analogien relativiert werden und die Shoah als Extremform nicht das Kriterium für einen Begriff des Faschismus bilden sollte. Die Autorin stellt ihr Anliegen folgenderweise heraus: „Wir brauchen einen Begriff des Faschismus, der nicht vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern die Politikform erfasst, die diesen ermöglicht. Einen Begriff, der offenlegt, dass diese Politikform auch ohne entsprechende Folgen schlimm genug wäre“ (12 f).

Aus ihrer kritisch-theoretischen Perspektive legt von Redecker in ihrem zwölf Kapitel umfassenden Essay die Interdependenz zwischen Neoliberalismus, Faschismus und Umweltzerstörung dar und integriert damit toxische Männlichkeitskonzepte, den grassierenden Rassismus sowie den Technokapitalismus in die Analyse des Gegenwartsfaschismus.

Liquidierende Phantombesitzverteidigung und Sachherrschaft

„Windräder, Gendersternchen, Flüchtlingswelle, Heizungsgesetz“ (35) – exemplarisch stehen diese Thematiken für die Triggerpunkte rechter Debatten. Dass gerade diese Themenfelder zu Ausgrenzungs- und Vernichtungsansprüchen führen, verweist auf den Kern des Faschismus: „Der Faschismus hat ein Objekt, das unterworfen und verteidigt, und ein Abjekt, das abgespalten und vernichtet werden muss. Das Abjekt ist verworfen, weil es das Objekt angreift. Das Objekt ist unterworfen, weil es dem Subjekt zusteht. Subjekt, Objekt und Abjekt in fataler Eskalation: Das ist liquidierende Phantombesitzverteidigung. Oder eben: Faschismus“ (233).

Was bedeutet das? Von Redecker erläutert, dass das emanzipatorische Potenzial, das zum Beispiel von einem Genderstern ausgeht, den Rechten als Enteignung erscheint. Die Ideologie des Faschismus geht mit der Erhebung eines Eigentumsanspruchs auf etwas einher, das die Autorin als „Phantombesitz“ bezeichnet, beispielsweise Frauen, Vaterland und Natur. Den Begriff etablierte von Redecker bereits in ihrem 2020 erschienenen Buch „Revolution für das Leben“.[3] Sie expliziert diesen, indem sie eine dreistellige Abjekt-Objekt-Subjekt-Logik einführt. Abjekte sind „Phantasmen“ wie Jüd*innen, Frauen oder Geflüchtete, die ausgelöscht werden müssen, weil sie den Phantombesitz bedrohen. Der Drang der radikalen Verteidigung des Phantombesitzes zeigt sich, sobald das Abjekt, hier zum Beispiel die emanzipierte Frau, gegen die patriarchale Ordnung strebt und dem Mann die Macht entzieht. Das Subjekt (hier der Mann) fühlt sich, weil es einen Besitzanspruch auf seine Frau (Objekt) erhebt, von dem Abjekt in seinem Recht verletzt. Aus diesem Machtentzug durch das Abjekt entsteht wie bei einer Amputation ein instinktiver imaginierter Schmerz der Eigentumsverletzung. Als Reaktion darauf muss der Besitz in Form einer Zerstörung verteidigt werden, was Redecker als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“ bezeichnet. Durch die Ermordung einer Frau im Femizid beansprucht der Täter das „Phantasma“ der ‚Frau‘ als vollständigen patriarchalen Besitz. Der Faschismus liegt genau in diesem liquidierenden Ausgang.

Woher der Drang zur Destruktion?

Aus der Logik folgt eine individualistische Handlung. Nicht bloß die kollektive Gleichheit macht den neuen Faschismus aus, sondern die Härte, die direkt vom Individuum ausgehend verübt wird: „sei es als Hasskommentar oder Brandanschlag“ (23) oder die Regierungsmacht der USA, die den gesamten Beamtenapparat zurechtstutzt, weil sie der Regierungsmacht vermeintlich zustehen sollte (69). Von Redecker beschreibt den Faschismus nicht bloß als eine Form des Aufgehens des Individuums in einem führerfolgenden Kollektivwillen, sondern als liquidierende Phantombesitzverteidigung zur Erhaltung mächtiger Partikularinteressen. Sie zeigt auf, wie die Verteidigung der eigenen Interessen durch die Kollektivierung mit anderen oder ohne sie stattfinden kann. Diese Relation verweist auf ein damit einhergehendes Ermächtigungsverhältnis. Dennoch erscheint die Gleichsetzung der faschistischen Tendenzen von Technofaschismus, Antisemitismus, Femiziden und Monopolwirtschaft als liquidierende Phantombesitzverteidigung analytisch verkürzt, da spezifische Klassen- und Machtverhältnisse nicht präzise berücksichtigt werden. Damit läuft die Autorin Gefahr, unterschiedliche Ebenen gesellschaftlicher Macht und Ermächtigungsreichweite zu verwischen. Ein Femizid folgt einer anderen Macht- und Motivationslogik als die Ermächtigungsstrategien der Tech-Elite oder eines Rechtsaußenpolitikers.

Woraus folgt allerdings der Drang zur Destruktion, welcher der Verteidigung des Phantombesitzes inhärent ist? Dieser wird laut von Redecker von der Eigentumslogik des Kapitalismus selbst hervorgebracht. Die Logik unterliegt für sie der „preisgebenden Sachherrschaft“, einem ebenfalls in „Revolution für das Leben“ eingeführten Begriff. Mit dem Begriff wird zum Ausdruck gebracht, alleinige Verfügungsmacht über etwas zu haben. Die faschistische Verfügungsmacht ist demnach für von Redecker nicht losgelöst von den Widersprüchen der kapitalistischen Ordnung. Deren Systematik folgt einer dreifachen Akkumulation: Mit der Verfügungsmacht über eine Sache geht immer die Vermehrung von Vermögen einher. Unter Bezug auf Karl Polanyi verdeutlicht von Redecker: Die notwendige Expansion des Kapitals durch das Verfügbarmachen neuer Verwertungsbereiche und der damit verbundene Fortschrittszwang sondern stets Abfallprodukte ab.

Dies lässt sich am Beispiel der ökologischen Krise verdeutlichen: Einerseits wird die Natur zu Eigentum gemacht. Mit ihrer Inwertsetzung geht andererseits immer auch ihre Destruktion einher, etwa in Form der Klimakatastrophe. Aus diesem dreifachen Verhältnis ergibt sich ein Umgang mit dem Anderen, das sich nicht als Pflege und Sorge herausstellt, sondern in einer Logik ständiger Akkumulation aufgeht, die zugleich immer größere Mengen an Gütern und Ausgeschiedenem hervorbringt. „Der erste Schnitt stanzt Eigentum aus, der zweite zertrennt es in Ware und Abfall“ (171). Auch Menschen erscheinen zunehmend als Träger von Arbeitskraft und nicht als Selbstzweck (Kommodifizierung). Sozialstaatliche Institutionen begrenzen nach von Redecker diese Logik. Werden diese Mechanismen im Zuge neoliberaler Politik aber abgebaut, können faschistische Tendenzen zunehmen: „Und an der leeren Stelle hält sich Phantombesitz“ (92), also der Phantombesitz jener, deren soziale und materielle Privilegierung zuvor durch den Sozialstaat stabilisiert wurde.

Das Äußere, Start- und Ausgangspunkt: Die neoliberale Demokratie

Die preisgebende Sachherrschaft ist die Grundlage einer liberalen Ordnung. Von Redecker will aufzeigen, wo der Liberalismus in liquidierende Phantombesitzverteidigung kippt: „Zumal der Liberalismus nicht einfach irgendwo bricht, sondern in seinem Herzen: der Freiheit“ (115). Der Liberalismus geht davon aus, dass man sich und seine Freiheit selbst besitzen kann, woraus eine individuelle Willkürfreiheit resultiert: „Ausweiten, Zerstören, Veräußern: Alles ist möglich“ (116). Auch wenn mit dieser Ordnung die Rücksicht auf die Freiheit des anderen und ein emanzipatorisches Potenzial eingehen kann, drückt die bestehende Formel eine radikalere Form der individuellen Willkürfreiheit aus: „zu tun und zu lassen, wonach uns der Sinn steht, solange das die Freiheit des Gegenübers nicht verletzt“ (117). Die Autorin begründet, dass diesem sozialdarwinistischen Konzept der Willkürfreiheit eine radikale Verantwortung für das eigene Leben unterliegt, aus der keine Fürsorgepflichten für den Anderen mehr ableitbar sind.

Mit der im Neoliberalismus entstehenden Individualisierung und Entsolidarisierung beschreibt von Redecker eine Härte, die die zunehmenden sozialen Probleme ins Private verlegt: „Und wenn es für dich zu hart ist, wirst du wohl zu schwach gewesen sein“ (122). Die Rückführung der Verhärtung und Entsolidarisierung auf die Sachherrschaft erlaubt es von Redecker, auf die Privilegien sichernden Grundlagen der liberalen Willkürfreiheit zu verweisen. Der sich daraus ergebende gesellschaftliche Gegensatz besteht: „zwischen rechtem Willküranspruch und linksliberaler Verzichtsforderung“ (122). Während die linke Position mit der Verzichtsforderung das Menschsein aller verteidigt, braucht der rechte Anspruch „ihre verdinglichten Unterworfenen und ihre entmenschlichten Feinde“ (123). Diese sind jene, die ihnen die absolute Entsagung der Rücksichtnahme verweigern.

„Warum aber bricht der Liberalismus nicht nach links?“ (127). Der Bruch mit der liberalen Freiheit nach rechts wird durch ihre Verzweigung mit der Sachherrschaft begründet, die „die eigentumsförmigen Besitzansprüche am Leben anderer“ (129) erhebt. Das hat für die Autorin zur Folge, dass reformistisch-emanzipatorische Transformationen Ungleichheiten nicht behoben haben und der Phantombesitz an unterlegenen Gruppen weiterhin durchgesetzt werden kann: „Als Abbruchprodukt der liberalen Rechtsordnung ahmt der Faschismus die ungebrochene kapitalistische Eigentumsgewalt nach und verabsolutiert sie für sein Klientel“ (131).

Das Innere des Faschismus

Von Redecker diagnostiziert anhand der Veränderung des Äußeren einen inneren Reflexionsausfall. Die Struktur unseres Denkens sei durch verschiedene Vermittlungsinstanzen entfremdet, etwa durch KI-generierte „Gaunersprache“ (169), ein gegen die Bürger*innen arbeitendes Bürokratiesystem sowie die während der Pandemie erlernte Rücksichtslosigkeit. „[W]ie eigentlich die antifaschistische Seele beschaffen sein müsste, lautet ‚Reflexion‘“ (174). Diese wird als Vermittlungsleistung beschrieben: „Sie vermittelt zwischen zwei Vermögen: der Rezeptivität und der Einbildungskraft“ (174). Hieraus entsteht eine Projektion auf die Wirklichkeit, durch die die „Fähigkeit zur Selbstkorrektur“ (174) ermöglicht wird.

Angelehnt an die ‚Frankfurter Schule‘ beschreibt von Redecker die Problematik schwindender Reflexionsfähigkeit: „An den äußeren Polen von Rezeptivität und Einbildungskraft jedoch verliert sich das Selbstbewusstsein oder geht, an der Terminologie Adornos und Horkheimers, in Natur über“ (174). Mit dem Spannungsverhältnis zwischen Anpassung („Mimesis“) und projektiver Welterklärung („Mythos“) greift sie die zentralen Kategorien der Kritischen Theorie auf. Es bestehe die Gefahr eines Reflexionsausfalls, in der die durch Mimesis und Mythos entstehenden Projektionen als objektive Realität erfahren werden. Entsprechend gelangt von Redecker zu dem Schluss: „[D]ann findet die Mimesis auch zu nichts Weichem mehr zurück. Sie ahmt die Härte nach, die der Mensch selbst in die Natur gelegt hat“ (175 f).

Vor dem Hintergrund gesellschaftlich entfremdeter Vermittlungsinstanzen – Digitalisierung (KI-Sprache), undurchsichtige Bürokratie und zerbrochener Liberalismus – besteht die Gefahr, dass die Reflexionsfähigkeit sich nicht mehr an das eigene Schaffen zurückbindet und der Nährboden für Verschwörungsmythen bereitet wird. In diesem Zusammenhang rekurriert von Redecker auf die von Adorno und Sigmund Freud geprägte Terminologie der pathischen Projektion: „Sie ist ein Zerrbild undurchschauter Herrschaft“ (178). Gesellschaftliche Widersprüche werden somit nicht auf ihre strukturellen Ursachen, wie den Kapitalismus, zurückgeführt, sondern auf vermeintlich schuldige Personengruppen. Ergänzt wird diese Diagnose durch das Konzept der höhnischen Mimesis in der Dynamik „von autoritärem Subjekt und seinem Opfer im Gewaltakt“ (179). Die Anpassung als eine durchgängig verhärtet erfahrene Welt führt zu deren Reproduktion. Diese besteht in der Zerstörung: „Das Heimweh nach dem Weichen am Grunde der Verächtlichmachung kann im Mordakt Erfüllung finden“ (183). Darin liegt die Definition faschistischer Subjektivität.

Die Subjekt-Objekt-Abjekt-Relation schlägt in eine liquidierende Phantombesitzverteidigung um. Der faschistische Drang nach Härte erscheint als Folge eines projektiven Phantasmas und bildet den Kern ihrer an der Kritischen Theorie angelehnten Faschismusanalyse. Obwohl die theoretische Zuspitzung durch alltagsnahe Analogien anschaulich gestaltet ist, verbleibt die Verbindung zwischen faschistischer Projektion und Ausfallen der Vermittlungsinstanzen theoretisch. Da es gerade an dieser Stelle an empirischen Untersuchungen mangelt, erscheint der Zusammenhang zwischen pathischer Projektion und ihrer gewaltsamen Konsequenz nicht hinreichend begründet.

In einem weiteren Kapitel differenziert von Redecker mithilfe der Theorie von Elizabeth Young-Bruehl den Reflexionsausfall, um verschiedene Vorurteile nicht bloß vom Antisemitismus ausgehend auszuweiten, sondern die Anatomie des Vorurteils selbst zu untersuchen. „Als Arendt-Schülerin hat Young-Bruel zugleich einen besonderen Sinn für Pluralität und schlägt vor, die Differenzierung zwischen Diskriminierungsformen von denen, die die Vorurteile hegen, aus zu konzipieren und nicht von denen, die sie treffen“ (193). Diese Vorurteile sind dabei in eine Eigentumslogik eingebettet: Sachherrschaft erstreckt sich auf Subjekte, ermöglicht die Ausbildung von Phantasma und mündet schließlich in den Faschismus, der die vermeintliche Freiheit des Eigentums gewaltsam verteidigt. Der „Faschismus [ruft] zum Ausnahmezustand auf, der diese »Freiheit« gegen Plünderer durchsetzt“ (204). Das bezeichnet Young-Bruehl als „besitzideologisches Begehren“ (204).

Dabei unterscheidet Young-Bruehl drei Modi des Vorurteils, um die verschiedenen Formen der Phantombesitzverteidigung näher zu beschreiben. Der obsessive Charakter neigt aufgrund von ständig drohendem und zu bändigenden Kontrollverlust zu Verschwörungstheorien und Antisemitismus. Dem Hysterischen droht Selbstverlust, weshalb das Andere beispielsweise hypersexualisiert, rassifiziert und anschließend bestraft werden muss. Der Narzisstische richtet sein Begehren auf sich selbst und strebt die Kontrolle über andere an, etwa über Reproduktionsarbeit.

Ausgehend von diesen Modi erklärt von Redecker, wie Phantasma und liquidierende Phantombesitzverteidigung den inneren Kontrollverlust kompensieren: Handlungen folgen einer phantasierten Bedrohung. Weniger ausgearbeitet bleibt jedoch, inwiefern das herrschende Subjekt durch die Unterwerfung des Anderen durch ein von ihm etabliertes manichäisches und antagonistisches Weltbild erst seine Identität gewinnt. Mit Frantz Fanon und Aníbal Quijano lässt sich dies als relationaler Prozess verstehen, in dem Kategorien wie ‚zivilisiert‘ und ‚unzivilisiert‘ nicht vorausgesetzt sind, sondern sich wechselseitig im Prozess der Alterisierung hervorbringen.[4] Eine stärkere Einbindung dieser Perspektive hätte die Analyse bereichern können.

Gegenstrategien

In ihrem letzten Kapitel skizziert von Redecker vier für sie zentrale Gegenstrategien, bleibt jedoch bewusst vage, weil sie sich als Philosophin auf die Begriffsbestimmung des Faschismus beschränken will: erstens das Beharren auf Sinn, zweitens das Sprechen gegen Vorurteile und Feindbilder sowie die Verteidigung vulnerabler Gruppen, drittens öffentlicher Luxus und schließlich viertens die befreite Arbeit.

Mit den beiden letzten Strategien verweist von Redecker auf einen im vorherigen Kapitel eingeführten Arbeitsbegriff, der die Welt in einer Weise vermittelt, in der Interessen selbstbestimmt sind sowie solidarisch und emanzipativ agiert wird. Dem der preisgebenden Sachherrschaft unterworfenen Naturbegriff wird eine von Marx entlehnte, aber aus ökofeministischer Perspektive neu aufgefasste Alternative des Arbeitsbegriffs entgegengesetzt: „Es gibt auch die Arbeit, die der Wiederherstellung von Leben gewidmet ist, Sorgearbeit oder, um den marxistischen Terminus zu nutzen, Reproduktionsarbeit“ (222). Arbeit wird also nicht allein als produktive Erwerbsarbeit verstanden, sondern umfasst „eine Arbeit, die auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zielt und sich zugleich der ökologischen Regeneration annimmt“ (240).

Trotz seiner vagen Einführung erweist sich der Arbeitsbegriff als zentrale Gegenstrategie, weil sich der Faschismus so nicht als plötzlich auftretendes Phänomen, sondern als Produkt gesellschaftlicher Bedingungen begreifen lässt. Der erweiterte Arbeitsbegriff macht jene grundlegenden Beziehungen zwischen Menschen, Natur und Reproduktion sichtbar, deren Missachtung den Boden für Faschismus bereitet. Nimmt man diesen Ansatz konsequent ernst, reicht er jedoch über die im Buch formulierten Gegenstrategien hinaus. Er impliziert eine grundsätzliche Kritik kapitalistischer Ordnung sowie Eigentums- und Produktionsverhältnisse, die in praktischer und radikaler Lesart in den Abolitionismus münden. Da die im Buch entwickelten Gegenstrategien implizit auf nicht-reformistische Lösungsansätze verweisen, entsteht der Eindruck einer Leerstelle zwischen der Radikalität der Diagnose und einer Zurückhaltung hinsichtlich ihrer politischen Konsequenzen. Dies erschwert zugleich die Einordnung des Ansatzes zwischen reformorientierter Gesellschaftskritik und einer explizit abolitionistischen Perspektive.[5] 

Fazit

Das Fundament der Argumentation bildet die dreiteilige Logik, unter welche verschiedene Formen des Faschismus als liquidierende Phantombesitzverteidigung gefasst werden. Der Faschismus erscheint als ein auf Zerstörung ausgerichtetes Phänomen, das sowohl durch interne als auch externe Kontexte erschlossen werden muss. Zur theoretischen Fundierung stützt sich von Redecker auf eine Kapitalismuskritik, die Herrschaftskritik der Kritischen Theorie sowie die verschiedenen Modi der Phantombesitzverteidigung. Auf dieser Grundlage leitet sie die Entstehung des Phantombesitzes aus einem Weltverhältnis ab, das auf preisgebender Sachherrschaft beruht und in einem antagonistischen Verhältnis liquidiert werden muss. Die Ausführungen erweitern sich durch eine ökofeministische Linse, die auf jene grundlegenden Strukturen und ungelösten Kontinuitäten verweist, die trotz mangelnder Aufarbeitung fortwirken und für das Verständnis des Faschismus konstitutiv sind.

Trotz der genannten Kritikpunkte gelingt es von Redecker, einen Faschismusbegriff zu entwickeln, der Faschismus weder als einfache Konsequenz erfasst noch als plötzlich auftretendes sowie episodisches Phänomen versteht. Dem Einwand, die Analyse des Faschismus diene primär der affektiven und moralischen Selbstvergewisserung eines gewissen Intellektuellenmilieus, entgegnet von Redecker, indem sie den Begriff des Faschismus auf die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zurückführt. Dadurch erscheint der Begriff nicht bloß als zeitgeistige Tendenz oder „Rechtsruck“, sondern verweist auf die strukturellen Bedingungen faschistischer Entwicklungen. Der Faschismusbegriff trägt nicht nur zum Verständnis rechtsautoritärer Dynamiken bei, sondern macht zugleich die Notwendigkeit einer sozialökologischen und ökonomischen Transformation als politische Konsequenz sichtbar, deren konkrete Ausgestaltung weiterhin offenbleibt.  


Literatur:

[1] Vgl. Nuss, Sabine / Celikates, Robin / Jaeggi, Rahel (2026): Woher kommt der neue Faschismus?, in: Critical Theory in Berlin: Woher kommt der neue Faschismus?, online unter https://criticaltheoryinberlin.de/en/podcast/podcast-18-woher-kommt-der-neue-faschismus/ [letzter Zugriff: 15.07.2026]. 

[2] Vgl. Reemtsma, Jan Philipp (2026): Woher kommt die Lust am Faschismus-Vorwurf?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/trump-und-die-usa-woher-kommt-die-lust-am-faschismus-vorwurf-accg-200800649.html [letzter Zugiff: 16.07.2026].

[3] Vgl. Redecker, Eva von (2020): Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt am Main: S. Fischer. S. 33 ff.

[4] Vgl. hierfür Quijano, Aníbal (2016|2000): Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika. Wien: Turia + Kant; Fanon, Frantz (2016|1952): Schwarze Haut, weiße Masken. Wien: Turia + Kant.  

[5] Eine radikalere Spezifizierung des Ansatzes findet sich in: Loick, Daniel / Thomson, Vanessa E. (2026): Surplus Fascism: Reflections on Current Tendencies of Abandonment in Germany and Beyond, in: New German Critique 157: Vol. 53, No. 1, S. 203-223.  



DOI: 10.36206/REZ26.33
CC-BY-NC-SA