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/ 22.06.2013
Dan Michman

Angst vor den "Ostjuden". Die Entstehung der Ghettos während des Holocaust. Aus dem Englischen übersetzt von Udo Rennert

Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2010 (Die Zeit des Nationalsozialismus); 282 S.; 14,99 €; ISBN 978-3-596-18208-4
Einen grundlegenden Beitrag zu einem Aspekt der Erforschung von Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten leistet mit diesem Band Professor Dan Michman, Chefhistoriker des International Institute for Holocaust Research an der Gedenkstätte Yad Vashem. Ausgeführt werden Überlegungen, die Michman aufnahm, als er für „The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos During the Holocaust“ 2005 eine Einleitung schrieb. Nun stellt er in einer akribischen Analyse dar, dass das Ghetto nicht, wie lange in der Forschung angenommen, als eine Vorstufe der Ermordung der Juden anzusehen, sondern als eine eigene Erscheinung zu verstehen ist. Systematisch werden die Historie der Judenviertel in den europäischen Städten, die sprachliche Verwendung des Ghetto-Begriffs sowie der Bedeutungswandel im besetzten Polen erläutert. Michman ermöglicht damit den Blick auf ein Phänomen, das keineswegs nur in die Deutungshoheit der Nationalsozialisten gehört. Der Begriff des Ghettos wurde im 16. Jahrhundert in Venedig für eine Insel geprägt, auf der die Juden Wohnrecht erhielten – zuvor war dort der Abfall einer Gießerei gelagert worden (ghettare [ital.]: Metall gießen). Der Begriff, verwendet für das Judenviertel einer Stadt, verbreitete sich schnell in Europa, verbunden mit zwei Bedeutungen, wie Michman betont: mit einer negativen, abgrenzenden und damit judenfeindlichen sowie mit einer positiven, selbstbeschreibenden, einen Ort meinend, an dem Juden gemäß ihren eigenen Regeln zusammenleben konnten. Erst in der deutschsprachigen Welt verknüpfte sich die negative Bedeutung mit dem kulturellen Stereotyp der „Ostjuden“. Im NS-Deutschland der 30er-Jahre hatten die Juden schließlich selbst das Gefühl, einer Ghettoisierung ausgesetzt zu sein, also aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Ghettos als Zwangswohnorte wurden allerdings fast nur im besetzten Polen (und später im besetzten Teil der Sowjetunion) eingerichtet – Michman erklärt, dass das Ghetto als organisatorische Vorstufe des Holocaust aus Sicht der Nationalsozialisten nicht notwendig war. Die Einrichtung erfolgte in den polnischen Städten – ausgehend von vorhandenen Judenvierteln – auf Initiative der lokalen Behörden und spiegelt die propagierte Angst vor der Gefahr durch die „Ostjuden“. Die Analyse eröffnet insgesamt auch einen Blick darauf, wie die Verfolgung der Juden teilweise ohne klare Vorgaben der obersten NS-Führung von Beamten und Soldaten der unteren Ränge vorangetrieben wurde.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3124.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Dan Michman: Angst vor den "Ostjuden" Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33157-angst-vor-den-ostjuden_39625, veröffentlicht am 27.10.2011. Buch-Nr.: 39625 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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