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/ 22.06.2013
Thomas Haipeter

Betriebsräte als neue Tarifakteure. Zum Wandel der Mitbestimmung bei Tarifabweichungen

Berlin: edition sigma 2010 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 114); 318 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-8360-8714-8
Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre die Frage nach „Betriebsräten als Tarifakteuren“ wenig sinnvoll gewesen – sieht doch das duale System der Interessenvertretung in Deutschland eine institutionelle Trennung von Tarifautonomie (gewerkschaftlicher Zuständigkeitsbereich) und Betriebsverfassung (Mitbestimmung durch Betriebsräte) vor. Vor allem das seit Anfang der 90er-Jahre vermehrt eingesetzte Instrument der Tarifabweichung hat allerdings zu einer zunehmenden Dezentralisierung des Tarifsystems geführt und die Bedeutung von Flächentarifverträgen zugunsten der stärkeren Einbeziehung betrieblicher Interessenvertreter gemindert. Lange Jahre wurde diskutiert, ob diese Entwicklung einer Erosion des Flächentarifvertrags gleichkommt und ob eine Dezentralisierung grundsätzlich die Position von Arbeitnehmern schwächen würde. Allerdings gründeten solche Debatten bislang größtenteils auf einer unzureichenden empirischen Basis. Diese Lücke will der Autor schließen. Basierend auf Interviews mit Unternehmern, Betriebsräten, Beschäftigten sowie gewerkschaftlichen Tarifexperten sind die Ergebnisse seiner 2-jährigen Forschungsarbeit durchaus überraschend. Zwar zeigt sich, dass die ökonomischen Bedrohungsszenarien von Unternehmerseite mit dem Ziel der Unterschreitung tariflicher Standards in den Untersuchungsbetrieben meist stärker auf Konstruktionen denn realen Tatsachen beruhten. Zugleich allerdings haben die Betriebsräte aus dieser Position der vermeintlichen Schwäche heraus schnell geeignete Strategien gefunden, die ihre Verhandlungsposition und generell ihre Machtressourcen im Unternehmen in fast allen Fällen letztendlich gestärkt haben. Haipeter macht vor allem zwei Aspekte dafür verantwortlich: Zum einen dienten Arbeitgeberwünsche nach Tarifabweichung oft als geeignetes Mittel einer Mobilisierung der Beschäftigten. Zum anderen wurde von Anfang an eng mit den Gewerkschaften kooperiert – was zugleich die Erwartung einer Schwächung der Gewerkschaften durch tarifliche Dezentralisierungsmechanismen als verfrüht erscheinen lässt. Mit anderen Worten: Die zunehmende Verlagerung tariflicher Regulierung auf die betriebliche Ebene ist nicht zwangsläufig mit einer Verlagerung der Konfliktaustragung in die Betriebe verbunden.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3312.343 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Thomas Haipeter: Betriebsräte als neue Tarifakteure. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32418-betriebsraete-als-neue-tarifakteure_38682, veröffentlicht am 09.11.2010. Buch-Nr.: 38682 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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