/ 22.06.2013
Justine Suchanek / Manuel Pietzonka / Rainer Künzel / Torsten Futterer
Bologna (aus)gewertet. Eine empirische Analyse der Studienstrukturreform
Göttingen: V & R unipress 2012 (Gesellschaft – Wirtschaft – Medien 3); 103 S.; 25,90 €; ISBN 978-3-89971-927-7Die Analyse umfasst eine Auswertung von 1.380 Akkreditierungsentscheidungen an niedersächsischen Hochschulen im Zeitraum von 2004 bis 2009 und zielt dabei – im Gegensatz zu anderen Untersuchungen – nicht nur auf die quantitativ erhebbaren Aspekte der Bologna-Reform. Vielmehr wurde durch eine Vollauswertung der entsprechenden Akkreditierungs- und Re-Akkreditierungsunterlagen auch explizit die qualitative Dimension dieses Prozesses beleuchtet. Möglichen Verzerrungen bei den Untersuchungsergebnissen aufgrund des landesspezifischen Forschungsdesigns begegnen die Autoren bereits in der Einleitung. Grundsätzlich wird jedoch davon ausgegangen, dass die „zentralen Erkenntnisse aus der niedersächsischen Vollerhebung zumindest eingeschränkt für ganz Deutschland gelten“ (23). Den Ausgangspunkt der Analyse bildete die Annahme, dass „die Umsetzung der Studienstrukturreform in den Hochschulen leichter gelingt, wenn die Ziele und Vorgaben in sich konsistent, an den gesamten Hochschulkontext angepasst und von den Hochschulen akzeptiert sind“ (22). Die Ergebnisse der Studie geben eindrücklich Aufschluss über die Schwierigkeiten, die die Hochschulen nach wie vor mit der Umsetzung der Bologna-Maßgaben haben. So ist z. B. die Zahl der in Akkreditierungsverfahren beanstandeten Studiengänge im betrachteten Zeitraum massiv angestiegen. Im Kern beziehen sich diese Beanstandungen auf die defizitäre Modularisierung der Studiengänge sowie die „mangelhafte Beschreibung der Module“ (47). Die Auswertung der Akkreditierungsunterlagen wurde durch eine fragebogengestützte Umfrage unter den Bologna-Verantwortlichen der Hochschulen flankiert. Auch diese Ergebnisse leisten einen Beitrag zur notwendigen empirischen Fundierung der breit diskutierten Reformdefizite. Bedenklich ist so z. B., dass die Akzeptanz für die mit der Reform verbundene Verkürzung der Studienzeiten, die neu eingeführten Studienzyklen und das Leistungspunktesystem am geringsten ist – also ausgerechnet für die Ziele, die den Kern der Bologna-Reform ausmachen. Wenn man diese Ergebnisse mit den abgefragten Gründen für die Umsetzungsschwierigkeiten kontrastiert, wird sehr schnell deutlich, dass dies – nicht nur, aber sehr zentral – an dem unzureichend gedeckten „Ressourcenbedarf“ (68) liegt. Im Gesamtergebnis verwundert es deshalb kaum, wenn über 60 Prozent der Interviewten die Frage, ob die Reform gelungen sei, mit „Nein“ antworten. Anspruch und bildungspolitische Realität liegen also auch noch zehn Jahre nach Ingangsetzung des Reformprozesses weit auseinander.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.343 | 2.325 | 3.5
Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Justine Suchanek / Manuel Pietzonka / Rainer Künzel / Torsten Futterer: Bologna (aus)gewertet. Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35144-bologna-ausgewertet_42310, veröffentlicht am 22.11.2012.
Buch-Nr.: 42310
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Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
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