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/ 21.06.2013
Wiebke Gröschler

Der Wandel eines Täterbildes. Von der ersten zur zweiten "Wehrmachtsausstellung"

Köln: PapyRossa Verlag 2008 (Hochschulschriften 78); 167 S.; 16,- €; ISBN 978-3-89438-401-2
Im Mittelpunkt dieser empirischen Untersuchung steht die Veränderung der Schwerpunkte von der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ zur Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“. Gröschler fragt, warum Letztere im Gegensatz zu Ersterer keine vergleichbare öffentliche Kontroverse auslöste. Welche Differenzierungen enthalten beide im Hinblick auf die Täter und wie hat sich die Schwerpunktsetzung in Bezug auf unterschiedliche Tätergruppen verändert? In der Analyse werden mit dem Krieg der Wehrmacht im Osten, der vergangenheitspolitischen Auseinandersetzung mit der Wehrmacht, der Didaktik der Ausstellungen und der Ausstellungsrezeption verschiedene Ebenen verknüpft und dann ergänzt um eine Untersuchung der Geschlechtercodierungen in den Darstellungen. Dabei konzentriert sich Gröschler nicht auf die Rezeption, sondern vor allem auf die Konzeption der Präsentationen. Sie kommt zu dem Ergebnis, das es zweifelhaft ist, ob die Grundthesen der Ausstellungen übereinstimmen. Dass sich im Fall der zweiten Ausstellung keine Kontroverse entwickelt hat, ist für sie nicht allein mit einem zwischenzeitlichen Wandel des öffentlichen Geschichtsbewusstseins zu erklären. Vielmehr macht sie eine Akzentverschiebung in den Konzeptionen aus, die sich vor allem in einem Wandel des Täterbildes äußert. Während in der ersten Ausstellung der Schwerpunkt auf den einfachen Soldaten gelegen habe, die auf zahlreichen Bildern als Akteure gezeigt worden seien, habe Letztere mit einer großen Menge an schriftlichem Material eher die Planungs- und Steuerungsebene der Wehrmacht in den Vordergrund gestellt. Diese Verlagerung des Schwerpunkts auf die Funktionselite und die institutionellen Strukturen habe es ermöglicht, so legt Gröschler überzeugend dar, dass in der zweiten Ausstellung die Grenze zwischen öffentlichen und privaten Erinnerungen gewahrt geblieben sei, wodurch die Präsentation den Bezug zur Lebenswelt der Besucherinnen und Besucher verloren und eine Rezeption aus „sicherer Distanz“ (128) ermöglicht habe.
Jan Schedler (JS)
Diplom-Sozialwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.352.312 Empfohlene Zitierweise: Jan Schedler, Rezension zu: Wiebke Gröschler: Der Wandel eines Täterbildes. Köln: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30357-der-wandel-eines-taeterbildes_36028, veröffentlicht am 24.03.2009. Buch-Nr.: 36028 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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