/ 21.06.2013
Jost-Arend Bösenberg
Die Aktuelle Kamera. Nachrichten aus einem versunkenen Land. Begleitbuch zur TV-Dokumentation im RBB-Fernsehen
Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2008; 289 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-86650-067-9Am 17. Juni 1953, als auf den Straßen der DDR das Volk gegen das Regime aufstand, sendete die DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ unter anderem Berichte über die Tagung des Weltfriedensrates in Budapest und über eine Wohnungsbesichtigung ausgerechnet in dem Hochhaus an der Weberwiese in der Nähe der damaligen Stalinallee in Berlin/Ost, in der die Proteste ihren Ausgang genommen hatten. Über den Aufstand fiel kein Wort. Sehr wortreich dagegen wurde am 13. August 1961 der Mauerbau als Maßnahme zur Sicherung des Friedens kommentiert. Aber ob keine oder zu viele Worte – die „Aktuelle Kamera“ sendete jahrzehntelang an der Wirklichkeit und dem Informationsbedürfnis der Zuschauer vorbei, wie der Journalist Bösenberg informativ und an ein breites Publikum gerichtet beschreibt. Bösenberg interviewte für diese umfassende Darstellung der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens fünf der sieben Chefredakteure, die langjährige Sprecherin Angelika Unterlauf und andere Zeitzeugen. Begutachtet wird damit ein Medienerzeugnis, das kaum jemand haben wollte – so sehr auch die SED-Führung danach trachtete, ihren eingeschlossenen Bürgern ihre Sicht der Dinge beizubringen: Mehr als geschätzte acht bis 15 Prozent durchschnittlicher Einschaltquote kam nicht zustande – also weniger Zuschauer als die SED Mitglieder hatte. Die Mehrheit der DDR-Bürger wanderte allabendlich in den TV-Westen ab. Eine eigene Erhebung der Zuschauermeinungen wurde eher vorsichtig durchgeführt, man wollte es wohl gar nicht so genau wissen – und die Bürger wollten nicht so genau Auskunft geben, um nicht in den Verdacht der Staatsuntreue zu geraten. So wurde nur nach den Sendungen der vergangenen drei Tage gefragt, da konnte es schon vorkommen, die eine oder andere verpasst zu haben. Bösenberg kommt zu der Einschätzung, dass sich die wirklichkeitsferne Berichterstattung der „Aktuellen Kamera“ insgesamt kontraproduktiv auswirkte: „Durch den Bruch mit der Realität wurde letztlich das ganze System unglaubwürdig.“ (233)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jost-Arend Bösenberg: Die Aktuelle Kamera. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29972-die-aktuelle-kamera_35522, veröffentlicht am 16.12.2008.
Buch-Nr.: 35522
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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