/ 21.06.2013
Jürgen Zeichner
Einigkeit und Recht und Freiheit. Zur Rezeptionsgeschichte von Text und Melodie des Deutschlandliedes seit 1933
Köln: PapyRossa Verlag 2008 (Hochschulschriften 76); 247 S.; 19,- €; ISBN 978-3-89438-399-2Nimmt man den Text so mancher Nationalhymne bewusst zur Kenntnis, so möchte man sich mit mancher davon nicht unbedingt identifizieren. In der Marseillaise triefen die Felder vom Blut der Feinde, die Japaner glorifizieren ihren Kaiser und auch die Amerikaner rühmen sich des Sieges in der Schlacht. Demgegenüber klingt Hoffmann von Fallerslebens Text geradezu friedlich. Und doch ist das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Hymne keineswegs immer ein ungebrochenes gewesen. Ihre Verwendung im Dritten Reich und insbesondere die Hybris, mit der die Nazis die erste Strophe aufgeladen hatten, schien sie als Symbol des demokratischen Deutschlands auszuschließen. Zeichner, der als Lehrer für Musik, Geschichte und Politik tätig ist, arbeitet in seiner gründlichen Studie heraus, warum Adenauer das sogenannte Lied der Deutschen doch als Hymne der Bundesrepublik durchsetzte und warum diese Entscheidung so wenig umstritten war. Die Distanz zum untergegangenen Reich, so Zeichner, sei Anfang der fünfziger Jahre noch keineswegs Allgemeingut gewesen. Eine Abkehr von der Symbolik der Hymne hätte ein Eingeständnis von Mitschuld bedeutet, zu dem die Bevölkerung noch nicht bereit gewesen sei. Die Diskussion kam in den sechziger Jahren dann zwar stärker auf, es sei den konservativen Kräften jedoch über die Jahre hinweg gelungen, die Hymne zu etablieren. Zeichner verbindet diese Schilderung mit dem Vorwurf, damit sei auch eine implizite Relativierung und Historisierung des Nationalsozialismus angestrebt und letztlich erreicht worden. Soviel Strategie muss man nicht unbedingt hinter dem Versuch zur Etablierung der Hymne vermuten, zumal ihre Rezeption nicht unabhängig von der seit den siebziger Jahren intensiver werdenden Diskussion über den Nationalsozialismus gesehen werden darf. Unabhängig von der Bewertung solcher Thesen ist es Zeichner aber gelungen, eine aufschlussreiche Rezeptionsgeschichte des Liedes der Deutschen zu schreiben, die einen wichtigen Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.35 | 2.333 | 2.312 | 2.313 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Jürgen Zeichner: Einigkeit und Recht und Freiheit. Köln: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29703-einigkeit-und-recht-und-freiheit_35177, veröffentlicht am 01.12.2009.
Buch-Nr.: 35177
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M. A., Politikwissenschaftler.
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