Skip to main content
/ 21.06.2013
Mirjam Wenzel

Gericht und Gedächtnis. Der deutschsprachige Holocaust-Diskurs der sechziger Jahre

Göttingen: Wallstein Verlag 2009; 415 S.; brosch., 43,- €; ISBN 978-3-8353-0569-4
Diss. LMU München; Gutachter: I. Mülder-Bach, C. Pornschlegel, R. Stockhammer. – Im Zentrum des Buches stehen Überlegungen, „wie der Holocaust repräsentiert und in epistemologischer Hinsicht beschrieben werden kann, wie er also zu denken, darzustellen und was aus ihm zu lernen sei.“ (22) Wenzel geht dabei von der These aus, dass in den 60er-Jahren die Darstellungsform des Gerichtsprozesses ein vergangenheitspolitisch positives Paradigma darstellte. Die Nachkriegsprozesse waren der Ort, an denen ein Wissen über den Holocaust generiert und mit dem die Vergangenheit und deren Auslegung verbindlich festgeschrieben wurde. Wenzel analysiert zunächst, wie das Paradigma in den Schriften von Hannah Arendt, Karl Jaspers, Günther Anders und Theodor Adorno entstanden ist und sich in Auseinandersetzung mit den zeitgeschichtlichen Kontexten entfaltet hat. Sie fragt dann weiter, wie die Berichterstattung über die Nachkriegsprozesse und die literarische Verarbeitung in Streitschriften, Essays, Dramen und Filmen sich weiter innerhalb des Paradigmas bewegte. Sie verbindet dabei die Auseinandersetzung mit der Literatur eines Peter Weiss, Heinar Klipphardt oder Rolf Schneider mit den philosophischen Reflexionen. Sie begreift diese Intertextualität als Projekt mit dem Ziel, universale Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und ein allgemeingültiges Gedächtnis zu stiften. Dieses Projekt wird immer wieder kontrastiert mit den ästhetisierenden und psychologisierenden Tendenzen der gegenwärtigen Gedenkkultur, die nach ihrer Meinung nicht in gleichem Maße in der Lage seien, ein öffentliches und verbindliches moralisches Urteil über Verbrechen gegen die Menschheit zu stiften.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3132.355.46 Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Mirjam Wenzel: Gericht und Gedächtnis. Göttingen: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31628-gericht-und-gedaechtnis_37671, veröffentlicht am 25.01.2010. Buch-Nr.: 37671 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA