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/ 22.06.2013
Ludolf Herbst

Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2010; 330 S.; 22,95 €; ISBN 978-3-10-033186-1
Adolf Hitler habe eine „besondere Ausstrahlung“ gehabt, „Millionen in seinen Bann“ geschlagen, kurz: Charisma besessen – diese Ansicht prägt bis heute das öffentliche Bild des Diktators. Herbst dagegen zeigt, dass diese Vorstellung auf einer inszenierten Legende beruht. Seine zentrale These lautet, dass Hitlers vermeintliches Charisma keine „unumstößliche Tatsache“ sei, sondern dass „Hitler gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Gefolgsleuten die Legende des charismatischen Führers erfand, um die messianischen Erwartungen im Deutschland der krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit für die NSDAP nutzbar zu machen“ (14). Um zu einer differenzierten Sicht der charismatischen Elemente im Herrschaftssystem der NSDAP zu gelangen, nutzt Herbst das begriffliche Instrumentarium der Herrschaftssoziologie Max Webers, welcher zwischen den Idealtypen charismatischer, traditionaler und legal-rationaler Herrschaft unterscheidet. Der Autor greift vor allem auf die Weber’schen Charisma-Elemente Gefolgschaft des Charismatikers, charismatische Situation und Veralltäglichung des Charismas zurück, um den (politischen) Werdegang Hitlers und die Formierung der NSDAP zu analysieren. Herbst schlussfolgert aus seinen Untersuchungen, dass sich die Herrschaft der Hitler-Diktatur am treffendsten mit dem (über Weber hinausgehenden) Begriff des „synergetischen Charismas“ fassen lasse. Demnach war die NSDAP durch „zwei unterschiedliche, synergetisch aufeinander bezogene Strukturen“ (263) geprägt: Zum einen wurde Hitlers Charisma inszeniert und propagiert, zum anderen eine bürokratische, legal-rationale Parteistruktur geschaffen. Nur im sich gegenseitig verstärkenden Zusammenwirken dieser beiden Strukturen, so der Autor, sei der Aufstieg Hitlers und der NSDAP zu erklären. Herbsts Analyse zeichnet sich durch eine konsequente historische Quellenarbeit und die plausible, theoriegeleitete Analyse der so gewonnenen Daten aus. Empirie wie Theorie werden kritisch bezüglich ihrer Aussagekraft sowie ihrer Grenzen hinterfragt. Allerdings leidet das Buch unter inhaltlichen Redundanzen. Schade ist auch, dass die Analyse mit dem Jahr 1933 endet und die Entwicklung der Führer-Diktatur sowie der Charismapolitik im Dritten Reich somit keine Berücksichtigung mehr findet. Dennoch ist dies eine äußerst lesenswerte Monografie, in der ein differenziertes Bild der Inszenierung des Hitler’schen Charismas entworfen und bisher für wahr Gehaltenes auf überzeugende Weise infrage gestellt wird.
Heinz-Werner Höffken (HÖ)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Ludolf Herbst: Hitlers Charisma. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32523-hitlers-charisma_38814, veröffentlicht am 10.08.2010. Buch-Nr.: 38814 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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