/ 22.06.2013
Alfred Hirsch
Rousseaus Traum vom Ewigen Frieden
München: Wilhelm Fink Verlag 2012; 181 S.; kart., 19,90 €; ISBN 978-3-7705-5234-4„So wie im Naturzustand das Glück und die weit verbreitete Friedfertigkeit wesentlich von der Einsamkeit und Selbstbestimmtheit der Individuen abhängen, knüpfen sich im Gesellschaftszustand das Unglück und die Gewaltsamkeiten an die dauerhafte Nähe und Zusammenkunft der Menschen.“ (71) Alfred Hirsch zeichnet Rousseaus kulturkritisches Denken, das den Menschen in seiner Verwandlung vom ursprünglich guten und friedfertigen homme naturel zum von der Kälte der Vernunft beherrschten homme civilisé beschreibt, in der gleichsam vorweggenommenen „Denkfigur der ‚Dialektik der Aufklärung’“ (67) nach. In dem Maße, in dem sich der Mensch zum Kulturwesen entwickelt, gerät er außer sich. Er verliert seine ursprüngliche Fähigkeit, in sich zu ruhen. Im Zuge der Sesshaftwerdung, der Arbeitsteilung und der Einführung des Privateigentums begibt er sich in Konkurrenz zu seinen Mitmenschen; denn die der Selbstsorge dienende „amour de soi“ verkehrt sich in die selbstsüchtige „amour propre“. Aus dem ursprünglichen „Frieden im Naturzustand“ wird „Krieg im Kulturzustand“ (29 ff.). Indem Rousseau – so Hirsch – „den Rahmen der regelnden Vernunft verlässt“ und sich in seinen Träumereien auf „unanstrengende Spaziergänge“ (24) einlässt, tun sich ihm zufällige und unvorhersehbare Einsichten auf, die „sich nur im Namen einer sterilen Vernunftanalytik als Spinnerei abtun“ (25) lassen. Doch diese irritierende „Widerständigkeit des Träumens“ (15) bildet den Ausgangsort für Rousseaus „Friedensträume“ (141 ff.), die – inspiriert vom 1648 geschlossenen Westfälischen Frieden – einerseits die „kulturelle Verflechtung Europas“ (156 ff.) anerkennen, andererseits aber auch auf ein Bündnis der Staaten – einen Staatenbund – gerichtet sind, dessen Verfassung „‚die Völker durch ähnliche Bande vereinigt, wie sie die Individuen einen, und jene dadurch wie diese gleichermaßen der Autorität der Gesetze unterordnet’“ (150). Doch dabei denkt Rousseau nicht an die Souveränität eines international agierenden Leviathans, sondern „der Bund muss die Abhängigkeit seiner Mitglieder befördern und damit die Verflechtungen unumkehrbar machen“ (151). Allerdings, als Grundlage dieses im Staatenbund institutionalisierten Zusammenlebens ist ein innergesellschaftlicher Frieden unabdingbar, der – und dies denkt Kant ja weiter – republikanisch verfasst ist.
Karl-Heinz Breier (KHB)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Karl-Heinz Breier, Rezension zu: Alfred Hirsch: Rousseaus Traum vom Ewigen Frieden München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35005-rousseaus-traum-vom-ewigen-frieden_42117, veröffentlicht am 04.10.2012.
Buch-Nr.: 42117
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Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
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