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/ 22.06.2013
Carsten Kretschmann

Zwischen Spaltung und Gemeinsamkeit. Kultur im geteilten Deutschland

Berlin: be.bra verlag 2012 (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert 12); 200 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-89809-412-2
Deutschland hat ein besonderes Verhältnis zur Kultur. In Zeiten fehlender staatlicher Einheit diente sie auf dem Weg zur politischen Gemeinschaft als Vehikel, als Ausdruck von Zusammengehörigkeit während des Deutschen Bundes wie der Teilung nach 1945. Carsten Kretschmann, mit Kriegen und Museen befasster Historiker an der Universität Stuttgart, setzt für die Zeit von 1949 bis 1989 zwar „Kultur“ in den Singular, betont aber Spaltungstendenzen. Dies wird an der Szenerie auf dem Buchcover deutlich, dem Moment, als Udo Lindenberg 1987 eine E-Gitarre an Erich Honecker übergab. Westlicherseits bestimmten eher „private“ Akteure das Geschehen, orientierten sich die Menschen an „Kommerz und Konsumkultur“ (56). Im Osten wollte der Staat nicht nur die Regeln für die Kultur bestimmen, sondern auch die Inhalte (lange Jahre war „Realismus“ Doktrin) – Zensur band die Theaterwelt, die Kunst, jede gedruckte Glückwunschkarte. Während im Westen die „skeptische Generation“ (83) heranwuchs, sich 1968 austobte und dem Ziel der individuellen Entfaltung näher zu kommenglaubte, stand im SED-Staat der Zusammenhalt des Kollektivs im Vordergrund, Antifaschismus war Mittel zum Zweck. Das funktionale Bauen jener Jahre wirkt heute in Ost und West sehr ähnlich: Im Westen sollte mehr Glas zwischen all dem Sichtbeton Zeichen für mehr Transparenz sein, im Osten folgte dem „nationalen Bauen“ kaum mehr als die „Platte“. Brüche und Widerstände sind bei Kretschmann eher am Rande zu finden – sie klingen in Werner Tübkes apokalyptischen Bildern an. Ein Hinweis auf bürgerliche Nischen fehlt. Diffuse Kontinuitäten bezeugen Vorläufer des Nierentisches oder der Schlager „Capri-Fischer“, 1943 komponiert. Mancher Lebenslüge im Westen, wie sie etwa Heinrich Böll kritisierte, standen im Osten der Anspruch des moralisch besseren Staates und das reale Unrecht gegenüber. Der Autor blickt in diesem konzisen Buch melancholisch voraus: Das Aus für das „Literarische Quartett“ und das tragische Ende der „Love Parade“ 2010 wirkten symbolisch, weniger gemeinsame Fußballturniere. Mehr Zuversicht ist hier angebracht: Der grüne Pfeil an der Ampel gilt überall. Sagt eigentlich noch jemand Kosmonaut statt Astronaut?
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.312.3132.314 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Carsten Kretschmann: Zwischen Spaltung und Gemeinsamkeit. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32995-zwischen-spaltung-und-gemeinsamkeit_39411, veröffentlicht am 13.12.2012. Buch-Nr.: 39411 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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