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Brendan Simms: Die Rückkehr des Großraums? Carl-Schmitt-Vorlesungen, Band 6

14.03.2024
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Autorenprofil
Jakob Kullik, M. A.
Berlin, Duncker & Humblot 2023

Der Historiker Brendan Simms befasste sich im Oktober 2023 in einer nun als Buch erschienenen Vorlesung mit dem Großraumkonzept Carl Schmitts. Seine These lautet dabei: Indem Großraumvorstellungen Russlands und Chinas die Internationale Ordnung gezielt herausfordern, präge jenes Konzept nun auch unsere Gegenwart. Simms‘ Darstellung aus ideengeschichtlicher und geopolitischer Sicht gelinge es dabei, „überzeugend und stilistisch elegant, die langen Denktraditionen des Großraum-Konzepts samt verschiedener Ausprägungen bis in die Gegenwart aufzuzeigen“, lobt unser Rezensent. (tt)


Eine Rezension von Jakob Kullik

Derzeit wird viel über die künftige Weltordnung nachgedacht. Verschiedene Konzepte und Modelle sind im Angebot, so etwa eine neue Bipolarität zwischen den Weltmächten USA und China, eine multipolare Weltordnung regionaler Großmächte oder ein Zustand verwildernder Anarchie bei gleichzeitigem Absterben der (noch) geltenden Völkerrechtsordnung. Ungeachtet der Begrifflichkeiten haben alle Ordnungsvorschläge eines gemeinsam: Im Kern geht es darum, ob sich ein westlich geprägter Universalismus durchsetzt oder eine in wenigen Regionen konzentrierte neue Großraumordnung mit alternativen Gesellschafts- und Systemkonzepten etabliert. Zwar war und ist auch die liberale Ordnung des politischen Westens in der Realität geographisch auf Nordamerika, Europa und wenige Staaten in Asien beschränkt. Aber deren Geltungsanspruch ist universalistisch und damit im normativen Kern kompromisslos. An dieser Konfliktlinie zwischen normativem Universalismus und geographisch-regionaler Konkurrenzordnung setzt das neue Büchlein (61 Seiten) des irischen Historikers Brendan Simms an. Es basiert auf einem Vortrag, der 2023 in der Reihe „Carl-Schmitt-Vorlesungen“ gehalten wurde. Der Titel des Büchleins kommt als knappe Frage daher: „Die Rückkehr des Großraums?“. Vertreterinnen und Vertreter des Konzepts der Global Governance – einer über den Nationalstaat hinausgehenden kooperativen Weltgemeinschaft – könnten angesichts dieser Frage missmutig werden. Schließlich werden damit politikwissenschaftliche Paradigmen und Theorien wie etwa der Liberalismus und der Funktionalismus in Frage gestellt – noch dazu von einem Historiker.

Entlang der Leitfrage entfaltet Simms einen chronologischen Überblick zur Begriffsgenese des Großraums und dessen realpolitischen Umsetzungsversuchen seit dem 19. Jahrhundert. Unter einem „Großraum“ wurde vieles verstanden, ein einzelnes feststehendes Konzept gab es nicht. Zumeist ist ein Zusammenschluss einer ethnisch wie kulturell homogenen Großgruppe gemeint, die um sich herum einen politischen und wirtschaftlichen Großraum formt. Interessant sind hierbei die Konjunkturen der semantisch-konzeptionellen Inklusion und Exklusion. So könne der Großraum einerseits vereinnahmend nach innen gedacht werden und andererseits als Abgrenzungsordnung nach außen. Am deutschen Großraumdenken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts lässt sich dies gut verdeutlichen: Nach innen standen die Deutschen als kulturell-ethnische Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich nach außen gegen die britische und später US-amerikanische Weltordnung behaupten musste. Schon damals wurde die „Macht Angloamerikas“ (15), die sich auf den internationalen Kapitalismus stützte, als kulturell-gesellschaftlich und weltpolitisch-ökonomisch andersartig gegenüber dem europäischen, vor allem aber deutschen Einflussbereich definiert. Die verschiedenen geographisch-völkischen Strömungen verdichteten sich sodann in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts unter den Nationalsozialisten zum sogenannten Herrenmenschen-Großraum mit einer klaren Rassenhierarchie, der zwar zunächst auf Europa beschränkt bleiben sollte, im Grunde jedoch ein genozidal-universeller Rassismus war. Doch mit dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Europa ging nicht automatisch das Ende des Denkens in Großräumen einher. Im Gegenteil: Sehr schnell perpetuierte sich eine um zwei Weltmächte kreisende interkontinentale Blockkonfrontation zwischen den USA und ihren euro-atlantischen Imperium und der eurasischen Großraumordnung der Sowjetunion.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts schien es für kurze Zeit, als ob das westlich-liberale Projekt, getragen vom unipolaren Moment der USA, sich endgültig global verbreiten und durchsetzen würde. Doch weitgefehlt: Nicht nur sehen wir heute, dass westliche Werte und die liberale Ordnung weltweit herausgefordert werden. Auch das Denken in Großräumen ist wieder zurück. Im Windschatten der gescheiterten faschistischen und kommunistischen Groß(raum)experimente des 20. Jahrhunderts erlebt ein Konzept ein geopolitisches Revival. Carl Schmitts Schriften, in denen er unter anderem zwischen Land- und Seemächten unterscheidet und eine „völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ (so der Titel eines Beitrags von 1939) als Gegenkonzept zum westlich-universellen Völkerrecht einforderte, werden in Russland und China seit längerem rezipiert und regimekonform fortentwickelt. Im russischen Fall erfuhr das Großraum-Denken mit dem Philosophen Alexander Dugin eine eurasische Ummantelung und außenpolitische Neudeutung für den Kreml. Dugin beruft sich explizit auf Schmitt und legitimiert dadurch „den Großraum als Rechtfertigung und als Manifest für Russlands Rückkehr zur Größe“ (39). Doch beim konzeptionellen Bezug auf neoimperiale Großraumansprüche bleibt es nicht. Vielmehr geht damit ein geopolitisch-rechtliches Widerstands-Momentum gegen die herrschende Völkerrechtsordnung einher. In erneuter Anlehnung an Carl Schmitt agiere Russland nicht nur revanchistisch, sondern zugleich als ein die US-Vorherrschaft bekämpfender Partisan – eine weitere Figur aus dem Schmitt‘schen Schrifttum. Russland sei demnach „ein ‚gigantisches Partisanenimperium, das außerhalb des Gesetzes‘ operiere und von der Überzeugung angetrieben werde, ein ‚sehr großer Raum‘ zu sein“ (40). Ausgehend von dieser selbstzugeschriebenen Rolle als souveräne antiwestliche Raummacht in Eurasien stelle der Angriff auf die Ukraine demnach keinen offenen Bruch des Völkerrechts mehr dar, sondern einen präventiven Verteidigungskrieg gegen den Westen (43-44). Anders gewendet: Russland greift militärisch zu den Waffen, um sich normativ-rechtlich gegenüber einem als gesellschaftsinvasiv empfundenen Westen zu erwehren. Simms fasst diese – aus westlicher Sicht verquere – Rechtfertigungslogik wie folgt zusammen: „Es handelt sich also, wie beim NS-Programm, sowohl um ein kolonisierendes als auch um ein antikoloniales Projekt“ (44). Moskau handelt demnach wie eine Kolonialmacht (gegen die Ukraine), sieht sich aber zugleich in einem antikolonialen Kampf gegen den Westen.

Ähnliche konzeptionelle Bezugnahmen und Anleihen beobachtet Simms bei der zweiten Herausforderermacht China: „Die Idee des Großraums scheint der VR China geradezu auf den Leib geschneidert“ (47). Unklar bleibt, was die im Sinne Schmitts großraumstiftende Leitidee für die Volksrepublik sein soll: Marxismus, Konfuzianismus, Nationalismus? Immerhin ist es bezeichnend und entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nach Karl Marx erneut ein deutscher Intellektueller im Reich der Mitte merklichen Einfluss bis in die Gegenwart entfaltet hat. Auch ohne Kenntnis der Schriften von Carl Schmitt zeigt Chinas Verhalten, dass Peking nicht nur geopolitischer Antipode Washingtons ist, sondern die amerikanische Weltordnung in ihren Grundfesten ablehnt und geltende Völkerrechtsprinzipien offen unterläuft.

Doch während die Fälle Russland und China recht klar sind, bleibt die Frage, wie Europa bzw. die Europäische Union in das neue Konzert der Großmächte passt. Hier muss differenziert werden zwischen Anspruch, Potenzialen und Wirklichkeit. Die Macht in der Mitte – Deutschland – verfolgt trotz ihrer in diesem Fall günstigen geographischen Zentrallage und ihrer wirtschaftlichen Stärke keinerlei exklusive Großraumvision für Europa. Simms ist zuzustimmen, wenn er feststellt: „In der Tat hat Deutschland in vielerlei Hinsicht seine antigeopolitische Kultur nach Brüssel ‚übertragen‘“ (53). Wenn Berlin also keinen europäischen Großraum (unter deutscher Führung) anstrebt, wer oder was bleibt dann noch? Simms führt einerseits dazu aus: „Es besteht kein Zweifel, dass die Europäische Union ein Großraum sein könnte, wenn sie wollte. Sie hat sicherlich das wirtschaftliche Gewicht, die Kohärenz und die Reichweite, um ein solches Bekenntnis zu untermauern“ (56). Andererseits: „Abgesehen davon kann die derzeitige EU weder als Imperium noch als Großraum im Schmitt‘schen Sinne betrachtet werden. Es fehlt ihr an einer plausiblen Leitidee und den meisten anderen notwendigen Merkmalen“ (ebd.).

Folgt man Simms‘ Ausführungen bis zum Schluss, bleibt ein gemischtes Bild: Auf der einen Seite formieren sich neue Großräume unter Putin und Xi, die die US-amerikanische Weltordnung herausfordern. Demnach erleben wir, dass „der Großraum […] in der Gegenwart eindeutig zurückgekehrt“ (59) ist. Aber war er denn wirklich jemals verschwunden? Oder war dies nur Europas (naive) Vorstellung von einer friedlichen Welt? Laut Simms wird es kein konkurrierendes Nebeneinander von Großräumen und regionalen Ordnungen geben, „sondern eine Konfrontation einerseits zwischen dem russischen und dem chinesischen Großraum, die jeweils ein bestimmtes Prinzip in der Welt repräsentieren, und andererseits dem ‚universellen‘ Westen, der geografisch in der Anglo-Sphäre verankert ist“ (60). Der Ausgang ist so offen wie düster: „Die westliche Unipolarität muss die chinesisch-russische Multipolarität verdrängen oder bei dem Versuch untergehen“ (60-61). Mit diesen Worten würde die (kleine) deutsche „Zeitenwende“ eine größere Dringlichkeit als bisher bekommen.

Brendan Simms gelingt es überzeugend und stilistisch elegant, die langen Denktraditionen des Großraum-Konzepts samt verschiedener Ausprägungen bis in die Gegenwart aufzuzeigen. Die dichte Darstellung ist aus ideengeschichtlicher und geopolitischer Sicht erkenntnisreich. Zwischen Carl Schmitt, Adolf Hitler, Wladimir Putin und Xi Jinping gibt es im antiwestlichen Großraum-Denken zahlreiche Gemeinsamkeiten. Erschreckend ist das besonders, wenn man die realpolitischen Konsequenzen des bevorstehenden Weltkonflikts durchdenkt: was heutzutage als (westlicher) Universalismus gegen (östlicher) Revanchismus bezeichnet wird, hieß früher: Freiheit gegen Tyrannei – ganz gleich in welchem (Groß)Raum.

 

CC-BY-NC-SA
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Externe Veröffentlichungen

Felix Ekhardt / 25.04.2023

Theorieblog.de

Micha Brumlik / 01.10.2020

Blätter für deutsche und internationale Politik

 

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