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Rezension / 08.06.2023

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen

München, C.H. Beck 2022

Gwendolyn Sasse möchte informative Lücken schließen, dabei mit Vorurteilen und falschen Geschichten über die Ukraine aufräumen. Dazu entfaltet die Politikwissenschaftlerin und Direktorin des Berliner Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien (ZOiS) kenntnisreich das Geflecht verschiedener Bedingungen für den Ukrainekrieg. Kennziffern, etwa die Zahl der Geflüchteten, werden ebenso prägnant vorgestellt, wie die Bedeutsamkeit dieses Kriegs für das Selbstverständnis vieler Europäer*innen und der Bruch der damit verbundenen Friedensordnung in Europa analysiert wird, so Vincent Wolff.

„Der Krieg wird Russland und die Ukraine über die hohe Zahl an Kriegsopfern, Verwundeten und Geflüchteten und das gewaltige Ausmaß an Zerstörung hinaus nachhaltig verändern“ (105), ist sich Gwendolyn Sasse sicher. Die renommierte Osteuropa-Wissenschaftlerin legt mit diesem kleinen Buch ein wichtiges Zeitdokument vor, das als Faktenbasis und Hintergrund-Erklärung eine bedeutende Rolle einnehmen kann. Das Buch soll die komplexe öffentliche Debatte ordnen und Fakten leicht verständlich zugänglich machen. Dabei arbeitet sich die Autorin erst an den allgemeinen Aspekten und anschließend an historischen Entwicklungen ab.

Der Grund für die Invasion der Ukraine sei klar, es gehe „um die Vernichtung des unabhängigen ukrainischen Staats und der ukrainischen Nation“ (7). Dahinter stehe allerdings ein Geflecht verschiedener Bedingungen, die den Angriffskrieg ermöglicht hätten: die Autokratisierung Russlands, die aktive Geschichtspolitik und Propaganda innerhalb Russlands, die Demokratisierung und Westorientierung der Ukraine, verbunden mit einer Stärkung der eigenen Identität, die zunehmende Diskrepanz zwischen westlichen und russischen Sicherheitswahrnehmungen und Widersprüche in der westlichen Russlandpolitik sowie die Ausweitung des seit 2014 schwelenden Kriegs seitens Russlands gegen die Ukraine. Im Kern gehe es der russischen Führung aber um den „autoritären Systemerhalt samt seiner neo-imperialen Machtprojektion“ (14). Der jetzige Angriffskrieg zeige, dass „Identitäten, Transformationsprozesse, Geschichtspolitik und staatliche Diskurse keine Nebenschauplätze sind, sondern eine zentrale Rolle spielen“ (24). Das habe mit Putins Ernennung zum Präsidenten im Mai 2000 begonnen.

Hinsichtlich der ukrainischen Geschichte weist Sasse klare Definitionen und Verhältnisse zurück, insgesamt seien die „Identitäten und Interessen diffuser, durchlässiger und weniger konfliktbehaftet als von außen betrachtet angenommen“ (36). Sasse geht dafür mit der westlichen Russlandpolitik hart ins Gericht: Die innere Logik des russischen Autoritarismus sei unterschätzt, die neo-imperialen Ansprüche als verhandelbare Sicherheitsinteressen missverstanden worden und die USA hätten sich mit ihrem Fokus auf China zu früh politisch-strategisch zurückgezogen. Gerade eine kritische Aufarbeitung der deutschen Russlandpolitik sei jetzt notwendig. Sasse lobt allerdings das Minsker Abkommen: „Ohne die Vereinbarung wären die sich abzeichnenden Kosten für die Ukrainer noch weiter gestiegen und ihre Staatlichkeit schon 2014 stärker bedroht gewesen“ (88). Das zahle sich heute in der viel stärkeren militärischen Widerstandskraft der Ukrainer*innen aus.

Als roter Faden zieht sich der Begriff der Identität durch das Buch, Sasse beginnt den Spannungsbogen des Kriegs gegen die Ukraine mit der Unabhängigkeit 1991. Das Nachwirken der Sowjetunion sei zwar heute noch spürbar, vor allem aber zeige sich letzteres im westlichen Blick auf die Ukraine. Russlands Angriffskrieg bedeute aus westlicher Sicht in dem Zusammenhang auch das Ende der Illusion eines friedlichen Zusammenlebens in Europa. Die Überraschung darüber rühre daher, dass die Bevölkerungen in West- und Südeuropa die Ukraine nicht auf ihrer eigenen mentalen Landkarte von Europa verortet haben.

Sasse ärgert sich offensichtlich über die westeuropäischen und vor allem deutschen Diskurse und setzt gängigen Annahmen klare Fakten entgegen. So habe es beispielsweise Anfang 2014 keine politische Mobilisierung für Unabhängigkeit oder einen Anschluss an Russland gegeben, nirgendwo sei dies auch nur entfernt politisch mehrheitsfähig gewesen. Auch die krimtatarische Bevölkerung habe beispielsweise seit 1991 fest zum ukrainischen Staat gestanden. Für den Donbass zieht Sasse zahlreiche Bevölkerungsumfragen heran und zertrümmert den Mythos der politischen Russlandnähe der Ostukraine.

Verfasst fünf Monate nach Kriegsbeginn, umreißt die Autorin wichtige Aspekte des Angriffskriegs und beleuchtet zahlreiche Hintergründe mit besonderer Kenntnis. Ihr gehe es darum, „gegen die tägliche Atemlosigkeit des Kriegs anzuschreiben“ (8). Dabei verbindet Sasse die Fakten mit einer umfassenden Erzählung. Insgesamt frappieren die nackten Zahlen noch einmal. So gelingt es Sasse, wichtige Kennziffern prägnant hervorzuheben. So seien 10 Millionen Menschen aus der Ukraine auf der Flucht, ein Viertel der Gesamtbevölkerung, zudem die Hälfte aller Kinder. Außerdem seien etwa eine Million Menschen nach Russland geflohen oder dorthin deportiert worden.

Die Zukunft ist ungewiss, Sasse weist die Möglichkeit einer Prognose der militärischen Entwicklung zurück. In jedem Falle ändere sich aber die Ukraine grundlegend, das Engagement der gesamten Gesellschaft schaffe die Grundlagen für eine stabile Zivilgesellschaft nach dem Krieg. In Russland hingegen verschärfe sich der autokratische Herrschaftsstil unmittelbar. Aber auch dort sei eine verlässliche Forschung nicht möglich, vor allem in Ermangelung unabhängiger Quellen. International sei allerdings der mögliche EU-Beitritt der Ukraine enorm wichtig, symbolisch in einer Linie mit der Gründung der EG und der EU-Osterweiterung: „Die Bedeutung der ‚gemeinsamen Werte‘ aus den EU-Verträgen wird inmitten des Krieges für alle greifbar“ (114).

Sasse will Lücken schließen und mit Vorurteilen und falschen Geschichten aufräumen. In dem Zusammenhang nimmt das Buch eine bedeutende Stellung ein. Leicht zugänglich und prägnant verfasst, ist dieses Werk ein relevantes zeitgeschichtliches Zeugnis und kann als Einführung in das Verständnis des russischen Angriffskriegs dienen. Sasse konstatiert: „Eine tragischere Art und Weise, sich in die mentale Landschaft Europas und der Welt einzuschreiben, gibt es nicht“ (120). Allerdings schließt Sasse mit einer Umfrage der Rating Group aus dem März 2022: 90 Prozent der Befragten in der Ukraine empfanden Hoffnung „beim Gedanken an die Situation der Ukraine. Vor dem Krieg fühlte sich nur ein Drittel hoffnungsvoll“ (122).

 

CC-BY-NC-SA
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